Führung benötigt Kommunikationswissen

Aktualisiert: vor 5 Tagen

"Wenn es überhaupt ein Rezept für den Erfolg gibt, besteht er darin, sich in die Lage anderer Menschen zu versetzen," wusste schon Arthur Schopenhauer als er auf Kommunikation als das primär effizienteste Führungsinstrument setzte. Kommunikation erleichtert das Verstehen und auch das "sich in die Lage" anderer Menschen zu versetzen.


Führung ist immer Arbeit mit Menschen und daher ist Führung immer Kommunikation mit Menschen. Führung ist ein Kommunikationsgeschehen. Kommunikation ist so zentral für Führung, dass theoretisches Wissen über Kommunikation ein unentbehrliches Führungswissen ist. Daher werde ich an dieser Stelle nochmals einen Ausflug in die Theorie machen und Landkarten und Wirklichkeitskonstruktionen anhand des Konstruktivismus erklären – und auch die systemische Brille an der eine oder anderen Stelle aufsetzen.


Jede Theorie dient der Orientierung. Jede Theorie und ihre Modelle sind Abstraktionen einer Wirklichkeit und somit Landkarten, die uns die Landschaft erklären. Und so sind Kommunikationstheorien und Kommunikationsmodelle, eine Aggregation und Abstraktion der Wirklichkeit, die zu einem bestimmten Anteil die Wirklichkeit darstellen sollen und dienen dazu, die Komplexität der Wirklichkeit zu reduzieren (vgl. Baller/Schaller 2017: 19; Seliger 2018: 69; 141).


So, und jede Theorie ist nur dann gut, wenn sie Erklärungen liefert.

Daher jongliere ich gleichmal mit Begrifflichkeiten, die das Kommunikationsgeschehen und Kommunikationsbegriffe „begreifbarer“ und erklärbarer machen sollen.


Kybernetik

Kommunikation als kybernetischer Regelkreis?


Kybernetik ist die Theorie über Steuerungslogik lebender Systeme (vgl. Seliger 2018: 61ff; 72). Kybernetik stellt sich die Frage wie Prozesse funktionieren, die offenkundig niemand steuert, aber dennoch Bewegungen aufweisen. Wie hängen bestimmte Veränderungen mit anderen zusammen? Was wirkt sich worauf aus?


Die Grundform der kybernetischen Steuerung ist der Regelkreis. Die kreisförmige Wechselwirkung von Ereignissen macht Ursache und Wirkung nicht mehr unterscheidbar. So ist auch das System Kommunikation „erklärbar“ mit Sicht auf die kybernetischen Steuerung:

Jeder Impuls erzeugt eine Reaktion, ein Feedback, das ein Impuls für weitere Reaktion ist.


Paul Watzlawick:

Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung –

Interpunktion von Ereignisfolgen


Im letzten Blog-Artikel gab es dazu schon einen Absatz über Paul Watzlawicks Idee, die kybernetischen Regelkreise für Kommunikationsprozesse anzuwenden. Es wurde dargestellt, dass der Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick sich dieser Idee für die einfache Darstellung von Kommunikationsprozessen bedient, hat:


In einem seiner berühmten Beispiele dafür nörgelt die Frau, weil der Mann so viel in der Kneipe ist: „Ich nörgle, weil er säuft.“ Und der Mann ist in der Kneipe, weil die Frau nörgelt: „Ich saufe, weil sie nörgelt.“ Paul Watzlawick ist der Auffassung, dass jede Kommunikation eine Reaktion auslöst. Jedes Verhalten ist somit immer eine Reaktion auf etwas Vorangegangenes und setzt zudem auch einen neuen Reiz.


Jedes Verhalten ist sowohl Auslöser und auch Feedback in einem Kommunikationsgeschehen.

Die Abfolge von Mitteilungen wird als Interaktion verstanden. Bei Menschen, die häufig miteinander kommunizieren, kann dabei ein charakteristisches Muster der Interaktion entstehen. Dabei unterscheiden sich die Beteiligten darin, wie die Abfolge von Mitteilungen wahrgenommen wird. Das Zusammenziehen von bestimmten Verhaltensweisen wird als Interpunktion bezeichnet (vgl. Plate 2014: 21f).


Ein Beispiel für kybernetische Kommunikationsprozesse ist FÜHRUNG!

Das Verhalten von Führungskräften ist sowohl Auslöser für als auch Reaktion auf das Verhalten von Mitarbeitern (vgl. Seliger 2018: 62).

Konstruktivismus

„The map ist not the territory!”


Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, die davon ausgeht, dass jede unserer Erkenntnisse über die Welt eine individuelle und damit subjektive, persönliche Wirklichkeitskonstruktion ist. Alle Daten dieser Welt erfassen wir durch unsere Sinne und zeichnen sie erst im Innern zu den Bildern, die wir als „Wirklichkeit“ betrachten. Und, um wieder das Bild der Landkarten zu verwenden: Unsere inneren Landkarten sind nicht ident mit den äußeren Landschaften.

Die Landkarte ist nicht die Landschaft.

Die Erkenntnistheorie ist ein Bereich der Philosophie und beschäftigt sich mit den Fragen:

  • Wie entsteht für uns Erkenntnis über die Welt?

  • Sind wir Menschen bei jeder Erkenntnis, die wir über die Welt gewinnen, auf unsere individuellen, persönlichen, subjektiven Eindrücke zurückgeworfen?

  • Ist jede Erkenntnis über die Welt daher auch eine persönliche, ganz individuelle Konstruktion?

Im letzten Blog-Beitrag über „Selbstführung“ haben wir bereits Wirklichkeitskonstruktionen und innere Landkarten diskutiert. Da aber die eigenen Wirklichkeitskonstruktionen, die inneren Landkarten, aber essenziell wichtig sind zum Verstehen der anderen – und auch das Wissen darüber, dass wir alle uns immer vor dem Hintergrund einer jeweils spezifischen, individuellen Landkarte verhalten – werden wir nochmals einen Blick darauf werfen.


Wir konstruieren uns unsere Wirklichkeit selbst. Das Ergebnis des Wahrnehmens ist immer ein jeweils individuelles, persönliches Bild, eine jeweils eigene Konstruktion der Wirklichkeit (vgl. Seliger 2018: 132). Als Beispiel dafür verwende ich, meine treuen Leser:innen wissen nun was wieder kommt, sehr gerne das Bild der Landkarte. Wirklichkeitskonstruktionen sind unsere inneren Landkarten. Eine Landkarte ist aber (Achtung) nicht die Landschaft.

„The map is not the territory“.

Damit wird ausgesagt, dass wir Sprache verwenden, um eine „Landkarte“ der Realität zu erzeugen, jedoch diese Karte von der Realität zu unterscheiden ist (vgl. Plate 2014: 119).

„Eine Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie darstellt, sondern hat, wenn es sie genau ist, eine dem Gebiet ähnliche Struktur, worin ihre Brauchbarkeit begründet ist …“ – Bandler & Grinder 1984: 27

Wirklichkeitskonstruktionen sind quasi unsere inneren Landkarten, die uns bei der Orientierung der Welt helfen sollen, dabei sind aber Landkarten und Landschaften nicht dasselbe. Wir halten unsere eigenen Wirklichkeitskonstruktionen sehr gerne für die Wirklichkeit, und unsere Landkarten für die Landschaft (vgl. Seliger 2018: 132f).


Aber warum sollen wir uns mit alldem beschäftigen?

Wozu dient uns das Wissen über Erkenntnistheorie, Konstruktivismus und Kybernetik? Wozu innere Landkarten und äußere Landschaften? Wozu brauchen wir als Führungskraft diese Erkenntnisse und Theorien?

Wozu all das?


Nun wir gehen davon aus, dass unsere Wirklichkeitskonstruktionen die entscheidende Steuerungsgröße unseres Handelns sind. Das heißt auch, dass Landkarte und Verhalten in einem kybernetischen Regelkreis zueinander stehen und sich beeinflussen (vg. Seliger 2018: 133).


Und hier ist noch wichtig zu wissen:

„Wie auch immer sich jemand verhält, was auch immer jemand tut, tut er vor dem Hintergrund einer jeweils spezifischen Landkarte, einer jeweils besonderen Sicht der Wirklichkeit oder Einschätzung der Situation.“ – Seliger 2018: 133

Und so ergibt vor dem Hintergrund der Landkarte jedes Verhalten Sinn!

Wir müssen Landkarten verstehen (lesen) können, um Verhalten verstehen zu können. Das betrifft Menschen, Mitarbeiter:innen, mit den wir zu tun haben – aber auch selbstverständlich uns selbst (vgl. Seliger 2018: 133 f).


Abschließend möchte ich noch ein paar Gedanken von Ruth Seliger (2018: 134) über das Verstehen von Landkarten hier teilen:

  • Alles, wirklich alles, was jemand tut, gewinnt erst vor dem Hintergrund seiner eigenen, individuellen Landkarte Sinn. Das gilt auch dann, wenn einem als Beobachter (als Führungskraft) dieses Verhalten nicht besonders sinnvoll erscheint.

  • Wie jemand sich verhält, hat weniger mit der Außenwelt zu tun, sondern viel mehr mit den innerlichen Eindrücken über die Außenwelt.

  • Auch das eigene Verhalten wird von den eigenen Landkarten gesteuert und daher ist es wichtig, die eigenen Landkarten für einem selbst wahrnehmbar zu machen.


Systemisches Denken ist konstruktivistisches Denken – in diesem Beitrag wurde sehr viel konstruktivistisch gedacht, im nächsten Beitrag verbinden wir dieses Denken mit „Systemischen Denken“.


Bis bald, ich freue mich auf Sie/euch,

Ihre/eure Silvia Faulhammer


Quellen dieses Artikels:


Metasprache und Psychotherapie: Die Struktur der Magie I. Neu übersetzte Auflage

von Richard Bandler, John Grinder, et al.


Kommunikation und Veränderung: Die Struktur der Magie II. Neu übersetzte Auflage

von Richard Bandler, John Grinder , et al.


Plate, Markus (2014): Grundlagen der Kommunikation. Gespräche effektiv gestalten. Göttingen: Verlag Vandenboeck & Ruprecht.


Seliger, Ruth 2018: Das Dschungelbuch der Führung. Ein Navigationssystem für Führungskräfte. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.


Watzlawick, Paul / Beavi, Janet / Jackson, Don (2016): Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxie. Bern: Hogrefe Verlag.


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